Sabine Lippert

Nationale Identität im Spiegel des deutschen Flüchtlingsdiskurses

In „Jenseits von Gut und Böse“ schrieb Friedrich Nietzsche, es kennzeichne die Deutschen, dass bei ihnen die Frage „Was ist deutsch?“ niemals aussterbe. Tatsächlich lohnt es sich noch heute, dieser Frage mit besonderer Aufmerksamkeit nachzugehen: Immer mehr Deutsche entdecken ihre Liebe zur Nation. Bei Sportereignissen, aber auch bei Demonstrationen schwenken Deutschlandfahnen als Zeichen ihrer nationalen Identität. Der Wahlerfolg der AfD, die Auseinandersetzung mit der sogenannten „Flüchtlingskrise“, aber auch die Tatsache, dass inzwischen jeder fünfte Einwohner Deutschlands einen Migrationshintergrund hat, führen zu der Frage, wie die Deutschen zu ihrer eigenen nationalen Identität stehen. Nach dem Institut für Demoskopie Allensbach geht „Deutsch sein“ für die Mehrheit der Bevölkerung über den Besitz der Staatsbürgerschaft hinaus: 57 % der Befragten geben an, dass es für sie so etwas wie einen Nationalcharakter gebe. Und nach einer Umfrage der Berliner Humboldt-Universität denken 37 % der Befragten, dass „deutsche Vorfahren“ wichtig seien, um deutsch zu sein. Problematisch an der Fixierung auf einen „Nationalcharakter“ oder „deutschen Vorfahren“ ist, dass die Verwendung dieser Begrifflichkeiten ein kollektives Verständnis einer einmaligen und unveränderlichen räumlichen Identität impliziert: Die Heimat stellt so eine schicksalhafte Verbindung zwischen dem Boden, einer starren Kultur sowie den Menschen, die dort geboren wurden dar. Ein solcher essentieller Kulturbegriff kann jedoch zu Ausgrenzungsprozessen führen, insbesondere gegenüber MigrantInnen, die das deterministische Prinzip dieser Verwurzelung von Mensch und Heimat durch ihre bloße Anwesenheit aufheben. Diese normative Zuschreibung eines „wir“ gegen „sie“ zeigt sich auch darin, dass über die Hälfte der Deutschen den Verlust ihrer kulturellen Identität durch die starke Zunahme von Einwanderern befürchtet. Dem gegenüber steht ein konstruktivistischer Kulturbegriff, der die Existenz von homogenen, nationalen Kulturen infrage stellt und stattdessen versucht, vieldeutige Antworten auf Fragestellungen zu finden, die oft vereinfacht mit der angeblichen Existenz von Kulturunterschieden erklärt werden. Diese vieldeutigen Antworten müssen im Sinne einer politischen und interkulturellen Bildung auch Eingang in den Geographieunterricht finden. Die Diskussion widmet sich daher der Frage, wie nationale Identität im Rahmen einer kritischen Geographiedidaktik behandelt werden kann, was „Deutsch sein“ überhaupt für Schülerinnen und Schüler mit oder ohne Migrationshintergrund bedeutet, und welche Konfliktpotentiale in der Ausblendung gesellschaftspolitischer Ursachen von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit bestehen.